Ich stehe von meinem Bett auf und gehe rüber zur Kommode. Darin befindet sich noch ein kleiner Schluck Whiskey, den werde ich mir jetzt erst einmal gönnen. Ich schenke mir ein Glas ein und stelle mich wieder ans Fenster. Mein Blick fällt auf die Uhr. Es ist mittlerweile viertel nach eins.
Vielleicht sollte ich erst einmal versuchen zu schlafen. Leider ist daran jedoch im Moment überhaupt nicht zu denken. Ich zünde mir wieder eine Zigarette an, setzte mich auf den Boden unmittelbar vor dem Fenster.
Das Buch der Erinnerung scheint mich so gefesselt zu haben, dass ich selbst zu dieser Nachtschlafenden Zeit nicht davon lassen kann.
Wieder nehme ich es auf und beginne darin rumzublättern.
Zunächst überschlage ich einige Seiten.
Dann bleibt mein Blick auf einem Bild hängen, an das mich noch sehr gut erinnern kann. Zu sehen sind Neil, seine spätere Freundin Melissa, Neil´s Boss in der Werkstatt, Mr. Stewart sowie ich in den Amen eines nett dreinblickenden Mädchens.
Es war der Tag an dem Neil seine Prüfung zum Kfz-Mechaniker bestand. Wir feierten gemeinsam mit seinem Boss in einem kleinen Pub in der nähe der Werkstatt. An diesem Abend kamen Melissa, die Tochter von Mr.Stewart und Neil zusammen. Sie war wohl das einzige Mädchen das Verstanden hatte, dass Neil sehr viel Zeit und Geduld brauchen würde, bevor er sich wieder auf eine neue Beziehung einlassen konnte. Mr. Stewart war so nett und ließ Neil nach den Geschehnissen mit Linda eine Auszeit. Erst zwei Monate später setzte Neil seine Ausbildung in der Werkstatt fort. Melissa und er sahen sich oft. Sie fand ihn schon immer sympathisch. Eine Zeit lang haben Sie sich jeden Abend noch zusammen im Büro der Werkstatt hingesetzt und geredet. Der Funke ist bei beiden schon sehr früh über gesprungen. Neil konnte jedoch zu keinem Zeitpunkt Linda vergessen. Melissa verstand dies und gab ihm die Zeit die er brauchte um sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Fast eineinhalb Jahre hatte es letztendlich gedauert. Sicher hatte Neil zwischenzeitlich die eine oder andere Frau kennengelernt. Jedoch wagte er nie den Schritt sich längerfristig mit ihnen einzulassen.
Die Feier war sehr schön und ausgelassen. Auch Neil´s Kollegen Jim und Francis waren anwesend. Wir spielten Darts und Billard und tranken zudem einige Pints Guiness.
Wieder fällt mein Blick auf das Bild. Nun erkannte ich wie betrunken wir alle an diesem Abend gewesen sein mussten. Ich sehe genauer hin mein Blick fällt auf das Mädchen in meine Armen. Keira. Sie war meine beste Freundin und arbeitete zu diesem Zeitpunkt in dem kleinen Café inmitten der Innenstadt. Ich lernte sie an meinem ersten Arbeitstag bei der Hestings Group kennen. Nach meinem Abschluss als Jahrgangsbester fing ich dort als Junior Analyst an und wollte schnellst möglich zu einem der erfolgreichsten Wirtschaftsberater aufsteigen.
Jeden Morgen holte ich mir in dem kleinen Café meinen ersten Kaffee. Mit diesem setzte ich mich an einen kleinen Rundtisch vor der Tür und rauchte noch eine Zigarette bevor es ins Büro ging. Nach etwa zwei Wochen kam ich das erste mal mit Keira ins Gespräch. Sie war en sehr hübsches junges Mädchen. Leider hatte sie zu Hause Probleme und so beendete sie die Schule ohne Abschluss um schnell von dort wegzukommen. Eigentlich sollte ihr Weg in die Hauptstadt führen. Leider hatte sie es soweit nicht geschafft. Sie blieb auf ihrer Reise in unserem hübschen Vorort hängen und Shelly O´Heara gabelte sie eines Abends am Bahnhof auf. Sie saß wie ein Häufchen Elend auf einer Bank, weinte und konnte sich nicht einmal mehr ein Fahrticket leisten. Shelly nahm das junge Mädchen bei sich auf und verschaffte Ihr den Job bei ihrem Schwager Timothy Riley.
Das „Rileys“ war ein sehr beliebtes Café, da es hier auch einen leckeren Mittagstisch zu annehmbaren Preisen gab.
Keira machte sich hier sehr gut und so beschloss Tim sie hier im Restaurantfach auszubilden. Er versuchte ihr zu helfen, wo er nur konnte. Er beschaffte ihr auch die erste eigene Wohnung.
An diesem Abend lernte ich diese Wohnung auch kennen. Ich mochte sie sehr, bin jedoch nie davon ausgegangen, dass da mehr hätte sein können. Eine feste Freundin hatte ich zu jenem Zeitpunkt nicht. Ich möchte nicht sagen, das ich einen sehr hohen Frauenverschleiß hatte, jedoch habe ich auch niemals binden wollen. So kamen und gingen die Bekanntschaften wieder. Dafür verachtete mich Neil. Er konnte mit diesem Lebensstil nichts anfangen. Das war wohl immer der einzige Punkt, bei dem wir uns nicht einig waren.
Als ich am nächsten morgen neben Keira aufwachte war ich schon etwas erschrocken. Vor allem jedoch über mein eigenes Verhalten. Gerade weil ich ihre Lebensgeschichte kannte. Ich hörte ihr gerne zu, wenn sie von ihrer Vergangenheit sprach und versuchte ihr Trost zu spenden. Und ich lauschte aufmerksam ihren Vortsellungen über die Zukunft. Darin versuchte ich sie zu stärken. Ihre Augen fingen an zu leuchten. Einmal in die große Hauptstadt kommen. Dort Leben. Das war es was sie wollte.
Ich stand aus ihrem Bett auf und begab mich in die Küche. Ich setzte mich an den Küchentisch und rauchte erstmal eine Zigarette. Außerdem kochte ich einen starken Kaffee. Da ich schon dabei war, fing ich an das Frühstück zuzubereiten. Ich habe die Nacht bei meiner vielleicht besten Freundin verbracht und werde ihr wohl jetzt sehr weh tun müssen. Da konnte ich zumindest das Frühstück machen.
Keira stand etwa eine halbe Stunde später auf und kam in die Küche. Sie sah mich mit großen, leuchtenden Augen an. Sie schwieg. Auch ich konnte in diesem Moment kein Wort sagen. Das beste was mir einfiel war, dass ich ihr sagte, ich habe bereits Frühstück gemacht. Das konnte sie selbstverständlich sehen. Sie bedankte sich und setzte sich an den Tisch. Es war noch einige Minuten ruhig, bis sie endlich etwas sagte. Mit unsicherer Stimme fragte sie ich, ob mir jetzt unangenehm sei, was geschehen war. Ich wusste keine Antwort darauf. Mein Herz schlug schneller und ich bemerkte wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten.
Ich zuckte mir den Schultern und wendete meinen Blick von ihr ab. Daraufhin stand sie auf und ging ins Badezimmer. Ich konnte ihr weinen deutlich hören. Ich saß noch weitere zehn Minuten da, bis ich mich entschloss meine Sachen zu nehmen und zu gehen.
Als ich zu Hause ankam saß mein Vater gerade zeitunglesend im Wohnzimmer in seinem Schaukelstuhl. Ich ging wortlos an ihm vorbei. Er linste über die Ränder seiner Brille und sah mir kurz nach. In meinem Zimmer angekommen setzte ich mich auf mein Bett und nahm mir ein Buch in die Hand, in dem ich niederschrieb, was ich in diesem Moment fühlte.
Eben dieser Eintrag befindet sich drei Seiten vor dem Foto des Abends von Neils kleiner Feier:
„Ich sitze auf meinem Bett und fühle mich als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Die Blicke meines Vater an dem ich gerade vorüberging waren wie kleiner stechende Blitze in mein Herz. Er sah mir bestimmt an, dass ich Mist gebaut habe.
Ich mag sie unendlich gerne. Aber ich liebe sie doch nicht. Zwar suche ich ihre Nähe und höre ihr unheimlich gerne zu. Jedoch habe ich noch keine Gedanken darüber gemacht, dass da auch mehr sein könnte. Ihre wunderbaren blauen Augen sehen mich jeden Morgen lächelnd an, wenn sie mir meinen Kaffee überreicht. Abends, wenn ich einsam in meinem Bett liege und der Tag nicht so gelaufen ist, wie er hätte laufen sollen, denke ich an ihr unbeschreiblich einzigartiges Lachen und es geht mir besser.
Ich suche ihre Nähe wo ich nur kann und verbringe unheimlich gerne meine Zeit mit ihr. Eigentlich merke ich gerade wo ich diese Zeilen schreibe, dass es nicht nur die Nähe zu ihr ist, die sich ich so sehr genieße. Noch abends, wenn ich zu Bett gehe, habe ich ihren lieblichen Duft in der Nase und wenn ich sie einen Tag morgens nicht sehen konnte, sind dies anstrengende und trostlose Tage. Verdammt, ich glaube, dass es doch genau das ist, was man in einer Beziehung sucht. Ich kann mir reden und diskutieren. Ich kann mit ihr über ernsthafte Themen genauso sprechen wie ich mit lachen kann.
Sie sagte einmal scherzhaft zu mir, ich sei der einzige Mann, der ihr das Gefühl von Wärme und Gutmütigkeit vermitteln würde. Und was habe ich jetzt getan? Ich glaube, ich lieb sie und wollte es mir niemals eingestehen…“
Ich erinnere mich noch daran, dass ich an diesem Tag aufgesprungen und zu meinem Vater gerannt bin. Ich habe ihm erzählt, was geschehen war und wie ich empfinde. Ich bat ihn um Rat.
Es war wohl das erste mal, dass mein Vater mir nicht exakt aufzeigte, was ich tun sollte, sondern nur sagte, ich solle tun, was mein Herz mir sagt. Mein Herz gebe mir die Richtung vor, die nun einschlagen solle.
Eigentlich befolgte ich immer die Ratschläge meines Vaters. Diesmal wusste ich jedoch überhaupt nicht, was ich hätte tun sollen.
Ich rannte aus dem Haus und ging rüber zu Neil, in der Hoffnung, dass er bereits wach sei. Ich klopfte wild an die Haustüre seiner Eltern. Jedoch öffnete mir niemand. Zunächst. Nach einer Viertelstunde, ich saß bereits resignierend auf der Veranda, kam Neil aus dem Haus. Er sah völlig übermüdet und noch nicht vollständig ausgenüchtert aus. Wir setzten uns auf die Bank auf der Veranda und ich begann ihm alles zu erzählen.
Ich erzählte ihm haarklein alles, was ich empfand. Als ich mich wieder zu ihm drehte sah ich das seine Augen geschlossen waren. „Ey, hast du mir überhaupt zugehört?“ fragte ich ihn leicht erzürnd. „Klar alter“, sagte er und fuhr fort „aber was willst du jetzt eigentlich von mir? Mir musst du nicht erzählen wie du dich fühlst. Nachdem was du heute getan hast, solltest du das jemanden anderem, und zwar schnellst möglich, erzählen und hoffen, nein beten, dass es noch nicht zu spät ist!“
Das waren genau jenen klaren Worte, die ich zu diesem Zeitpunkt gebraucht habe. Ich nahm Neil kurz in den Arm, bedankte mich bei ihm und rannte so schnell ich konnte los.
Ich hätte Melissa, die gerade aus dem Haus kam, beinahe über den Haufen gerannt. Mit einer flüchtigen Entschuldigung verabschiedete ich mich und war etwa zwanzig Minuten später wieder bei Keira vor der Haustür.
Ich klingelte ein paar mal, doch leider öffnete mir niemand. Ich fing an unter ihrem Fenster ständig ihren Namen zu rufen und das sie bitte aufmachen solle. Nach zehn Minuten kam Mrs. Makowski aus dem Haus. Eine ältere Dame die zwar immer freundlich aber doch ein wenig merkwürdig war. Ich nutzte die Gelegenheit und ging nach oben vor Keira´s Wohnungstür. Dort klopfte ich fest an die Tür. Dann entschloss ich mich einfach durch die Tür hinweg meine Gefühle zu offenbaren:
„Keira, es tut mir leid was heute Morgen passiert ist. Ich wollte es wohl einfach nicht wahrhaben. Ich habe noch einmal über alles nachdenken müssen. Du bist ein ganz besonderes Mädchen. Du bist meine beste Freundin, und ich musste mir erst einmal darüber klar werden, was da gerade in mir vorgeht. Ich habe mich falsch verhalten, dass weiß ich, aber ich will es wieder gut machen. Bitte, mach die Tür auf…Dein lächeln ist es, was darüber entscheidet ob ein Tag erfolgreich wird oder nicht. Wenn du mich am Morgen nicht anlächelst, wird es ein beschissener Tag. Wenn ich dein lächeln am Morgen sehen darf, habe ich das Gefühl alles erreiche zu können. Es ist auch nicht der Duft des Kaffees, der mich jeden Morgen ins Café treibt. Das bist du…bitte glaube mir…ich war ein Idiot, aber es musste mir erst richtig klar werden. Ich…“
In diesem Moment öffnet sich die Tür und Keira stand mit roten verweinten Augen vor mir. In diesem Moment sehe ich Sie an und beginne zu lächeln. „Ich liebe dich!“ sagte ich zu ihr.