Die Dunkelheit des Raumes scheint mich aufzufressen. Ich nehme mir das staubige alte Buch, welches auf dem Nachtisch neben meinem Bett liegt und beginne darin zu blättern.
In diesem Buch befinden sich alte Notizen aus längst vergangenen Tagen, manche kaum noch zu lesen, einige Bilder. Erinnerungen an eine Zeit in der alles noch in Ordnung war. Es ist eine Art Tagebuch, das nicht täglich geführt wurde. Nur stückchenweise erzähle Ich dort die Geschichte meines Lebens.
Auf der fünften Seite finde ich einen Eintrag:
“17.03.1991
Es gießt wie aus Eimern. Ich kann mich nicht daran erinnern, heute schon einmal die Sonne gesehen zu haben. Als ich das Fenster meines Zimmers öffne bemerke ich den lieblichen Duft der Wiesen und Wälder um mich herum. Mr. Lohan, unser Nachbar bringt gerade seinen Müll nach draußen und grüßt mich freundlich. Er ist ein sehr netter Nachbar. Wenn ich ihm bei der Gartenarbeit helfe, drückt er mir immer fünf Pfund in die Hand.
Diese habe ich mir immer in meinen Nachtisch gelegt. Ausgeben wollte ich es nicht. Noch nicht.
Eigentlich wollte ich mit meinem besten Freund Neil heute Fußball spielen. Aber bei dem Regen lassen unsere Eltern uns niemals auf den Bolzplatz.
Ich habe Neil vor drei Jahren kennengelernt. Er war gerade erst mit seinen Eltern umgezogen. An seinem ersten Schultag war er sehr nervös. Ich habe mich mit ihm unterhalten, weil er mir leid tat, als er so alleine in der Ecke stand. Nach kurzer Zeit wurde daraus die beste Freundschaft, die man sich vorstellen kann. Wir vertrauten uns blind. Wir zogen fast jeden Tag durch die Straßen unserer kleinen Ortschaft oder gingen gemeinsam Fußball spielen. Später wollten wir beide Fußballprofis werden. Bei unserem Ortsansässigen Fußballverein kannte man uns sehr gut. Ständig haben wir uns in das kleine Stadion vor der Ortseinfahrt geschlichen und dort trainiert. Anfangs wollte man uns immer wieder verscheuchen. Nachdem wir aber gemeinsam mit unserer Jugendmannschaft in der höchsten Klasse unserer Alterstufe Meister wurden, ließ man uns gewähren.
In den Ferien waren wir jeden Tag dort. Wir sind morgens um acht Uhr mit unseren Fahrrädern losgefahren und kamen erst spät am Abend wieder nach Hause.
Neil lernte eines Tages im Jahr 1993 Linda kennen. Er war gerade 14 Jahre alt und sie ging in unsere Parallelklasse.
Sie war ein sehr hübsches Mädchen mit schulterlangen, blonden Haaren und blauen Augen. Anfangs hatte ich, wie wohl jeder heranwachsende in dieser Situation angst, dass dies unserer Freundschaft einen Abbruch tun könnte. Linda war jedoch nicht sehr besitzergreifend. Zudem verstand ich mich auch so gut mit ihr, dass sie uns des öfteren begleitete.”
Sicher fragen sie sich jetzt, wie ich das alles aus meinem Buch ablesen kann, obwohl es sich dabei um zukünftige Ereignisse handelt. So kommen jedoch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bröckchen aus meinem Buch besser zur Geltung.
Ich blättere weiter in meinem Buch und lande auf Seite neun. Dort steht nur eine Zahl. In dicken schwarzen Buchstaben steht dort geschrieben: 23 96. Ich kann diese Zahl zu diesem Zeitpunkt nicht zuordnen. Ist es ein Datum? Was soll es bedeuten? Ich blättere weiter. Die darauf folgenden sieben Seiten sind leer. Auf der achten Seite steht über die ganze Seite verteilt eine acht. Wieder eine Seite weiter finde ich ein Bild von Neil und Linda. Neil war bereits 17 Jahre alt. An seiner Oberlippe bildete sich langsam ein dünner Bart. Linda lächelt zufrieden und überglücklich in die Kamera. Als ich genauer hinsehe, sehe ich dass die beiden auf einem Baumstamm neben dem Haus von Neils Eltern sitzen. Es scheint auf dem Foto bereits dunkel zu sein. In der linken Hand hält Neil eine Zigarette. Den linken Arm hat er um Linda gelegt und drückt sie fest an sich. Als wolle er sie niemals wieder loslassen.
Ich muss gestehen, immer eine wenig neidisch auf Neil gewesen zu sein. Er hatte mit Linda etwas wunderbares. Sie war nicht nur das Mädchen, das er liebte, sondern sie verstanden sich blind.
Ich erinnere mich nun, dass an diesem Abend in der Straße in der Neil mit seine Eltern wohnte ein Straßenfest stattfand. Mein Atem wird schwerer. Mein Puls schlägt schneller. Nun erinnere ich mich wieder, was die Zahlen zu bedeuten hatten.
Es war der 23. August im Jahre 1996. Neil und ich verabredeten uns gemeinsam auf das Straßenfest zu gehen. Wir wollten ein paar Biere mit seinen Eltern trinken, zur Musik tanzen und die Nacht zum Tage machen. Linda war selbstverständlich dabei. Insgeheim hoffte auch ich, ein Mädchen wie sie kennen zu lernen. Natürlich hegte ich zu keinem Zeitpunkt tiefgehendere Gefühle für sie. Aber das was sie und Neil hatten, dass wollte ich auch. An diesem Abend wurde mir klar, dass Neil und ich zwar beste Freunde sind, die niemals etwas trennen könnte. Jedoch als ich das Foto von Neil und Linda schoß, merkte ich, wie nah sich die beiden sind. Ich freute mich für ihn. Mein bester Freund hat die große Liebe seines Lebens gefunden. Wir tranken, tanzten, lachten und waren einfach nur rundum zufrieden. Nichts schien diese Glückseligkeit stören zu können.
Ich stehe auf und lege das Buch zur Seite. Erst mal eine Zigarette. Ich merke wie mein Blutdruck zu steigen beginnt und ich schwerer atme. Mein Hände zittern. Nochmals nehme ich das Buch auf. Ich werfe einen Blick auf die Ziffern. Die Ziffern sieben Seiten vor der Acht. 23 96.
Der 23.08.1996. Es war der letzte Tag an dem wir gemeinsam so glücklich beisammen saßen. Es war der letzte Tag an dem Neil seine Linda in den Armen hielt.
Es war der letzte Tag an dem er Linda gesehen hat.
Linda´s Vater kam um drei Uhr etwa vorbei und wollte sie abholen. Neil bat ihn, das sie bei ihm übernachten könne. Doch er ließ dies nicht zu. Zwar hatte er nichts gegen die Beziehung der beiden, aber Gewisse grenzen mussten eingehalten werden.
Er erlaubte seiner Tochter noch eine halbe Stunde zu bleiben. Dann solle sie nach Hause kommen. Da sie nur drei Straßen weiter wohnte, wollte sie zur ausgemachten Zeit schnell alleine nach Hause laufen. Ich war sehr betrunken und schlief bereits auf der Veranda des von Neil´s Nachbarn. Neil war noch wach. Jedoch kaum in der Lage zu laufen.
Er wollte sie nicht gehen lassen. Aber sie wusste was ihr blühen würde, würde sie nicht nach Hause kommen.
Sie lächelte Neil an und verabschiedete sich. Sie gab ihm einen Kuss und sagte, dass sie sich morgen wieder sehen würden.
Neil sah ihr hinterher. Als sie gerade am Ende der Straße abgebogen war fielen ihm die Augen zu.
Ich öffnete meine Augen als die Sonne gerade begann, mir in die diese zu scheinen. Ich sah niemanden um mich herum. Als ich von der Veranda aus nach unten in den Vorgarten ging sah ich Neil am Straßenrand hocken. Neben ihm stand Linda´s Vater.
Wieder gehe ich ans Fenster und sehe mir den Himmel an. Das alles kann ich doch nicht vergessen haben, so dass ich ein Buch benötige um mich wieder daran zu erinnern.
Erneut nehme ich das Buch auf und blättere weiter. Auf den folgenden Seiten befinden sich einige kleine Zeitungsausschnitte über das entführte und ermordete Mädchen.
Neil und ich waren gerade 17 Jahre alt. Neil hatte zuvor eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker begonnen. Ich ging noch zur Schule. Ich wollte studieren. Jura oder Medizin. Egal. Hauptsache hoch angesehen.
Am 24.08.1996 saßen wir beide auf dem Polizeirevier. Dort erklärte uns ein gewisser Officer McMulligan, was laut den bisherigen Ermittlungen geschehen sein sollte.