unknown-kapitel 2 -

22 07 2009

Die Dunkelheit des Raumes scheint mich aufzufressen. Ich nehme mir das staubige alte Buch, welches auf dem Nachtisch neben meinem Bett liegt und beginne darin zu blättern.

In diesem Buch befinden sich alte Notizen aus längst vergangenen Tagen, manche kaum noch zu lesen, einige Bilder. Erinnerungen an eine Zeit in der alles noch in Ordnung war. Es ist eine Art Tagebuch, das nicht täglich geführt wurde. Nur stückchenweise erzähle Ich dort die Geschichte meines Lebens.

Auf der fünften Seite finde ich einen Eintrag:

“17.03.1991

Es gießt wie aus Eimern. Ich kann mich nicht daran erinnern, heute schon einmal die Sonne gesehen zu haben. Als ich das Fenster meines Zimmers öffne bemerke ich den lieblichen Duft der Wiesen und Wälder um mich herum. Mr. Lohan, unser Nachbar bringt gerade seinen Müll nach draußen und grüßt mich freundlich. Er ist ein sehr netter Nachbar. Wenn ich ihm bei der Gartenarbeit helfe, drückt er mir immer fünf Pfund in die Hand.

Diese habe ich mir immer in meinen Nachtisch gelegt. Ausgeben wollte ich es nicht. Noch nicht.

Eigentlich wollte ich mit meinem besten Freund Neil heute Fußball spielen. Aber bei dem Regen lassen unsere Eltern uns niemals auf den Bolzplatz.

Ich habe Neil vor drei Jahren kennengelernt. Er war gerade erst mit seinen Eltern umgezogen. An seinem ersten Schultag war er sehr nervös. Ich habe mich mit ihm unterhalten, weil er mir leid tat, als er so alleine in der Ecke stand. Nach kurzer Zeit wurde daraus die beste Freundschaft, die man sich vorstellen kann. Wir vertrauten uns blind. Wir zogen fast jeden Tag durch die Straßen unserer kleinen Ortschaft oder gingen gemeinsam Fußball spielen. Später wollten wir beide Fußballprofis werden. Bei unserem Ortsansässigen Fußballverein kannte man uns sehr gut. Ständig haben wir uns in das kleine Stadion vor der Ortseinfahrt geschlichen und dort trainiert. Anfangs wollte man uns immer wieder verscheuchen. Nachdem wir aber gemeinsam mit unserer Jugendmannschaft in der höchsten Klasse unserer Alterstufe Meister wurden, ließ man uns gewähren.

In den Ferien waren wir jeden Tag dort. Wir sind morgens um acht Uhr mit unseren Fahrrädern losgefahren und kamen erst spät am Abend wieder nach Hause.

Neil lernte eines Tages im Jahr 1993 Linda kennen. Er war gerade 14 Jahre alt und sie ging in unsere Parallelklasse.

Sie war ein sehr hübsches Mädchen mit schulterlangen, blonden Haaren und blauen Augen. Anfangs hatte ich, wie wohl jeder heranwachsende in dieser Situation angst, dass dies unserer Freundschaft einen Abbruch tun könnte. Linda war jedoch nicht sehr besitzergreifend. Zudem verstand ich mich auch so gut mit ihr, dass sie uns des öfteren begleitete.”

Sicher fragen sie sich jetzt, wie ich das alles aus meinem Buch ablesen kann, obwohl es sich dabei um zukünftige Ereignisse handelt. So kommen jedoch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bröckchen aus meinem Buch besser zur Geltung.

Ich blättere weiter in meinem Buch und lande auf Seite neun. Dort steht nur eine Zahl. In dicken schwarzen Buchstaben steht dort geschrieben: 23 96. Ich kann diese Zahl zu diesem Zeitpunkt nicht zuordnen. Ist es ein Datum? Was soll es bedeuten? Ich blättere weiter. Die darauf folgenden sieben Seiten sind leer. Auf der achten Seite steht über die ganze Seite verteilt eine acht. Wieder eine Seite weiter finde ich ein Bild von Neil und Linda. Neil war bereits 17 Jahre alt. An seiner Oberlippe bildete sich langsam ein dünner Bart. Linda lächelt zufrieden und überglücklich in die Kamera. Als ich genauer hinsehe, sehe ich dass die beiden auf einem Baumstamm neben dem Haus von Neils Eltern sitzen. Es scheint auf dem Foto bereits dunkel zu sein. In der linken Hand hält Neil eine Zigarette. Den linken Arm hat er um Linda gelegt und drückt sie fest an sich. Als wolle er sie niemals wieder loslassen.

Ich muss gestehen, immer eine wenig neidisch auf Neil gewesen zu sein. Er hatte mit Linda etwas wunderbares. Sie war nicht nur das Mädchen, das er liebte, sondern sie verstanden sich blind.

Ich erinnere mich nun, dass an diesem Abend in der Straße in der Neil mit seine Eltern wohnte ein Straßenfest stattfand. Mein Atem wird schwerer. Mein Puls schlägt schneller. Nun erinnere ich mich wieder, was die Zahlen zu bedeuten hatten.

Es war der 23. August im Jahre 1996. Neil und ich verabredeten uns gemeinsam auf das Straßenfest zu gehen. Wir wollten ein paar Biere mit seinen Eltern trinken, zur Musik tanzen und die Nacht zum Tage machen. Linda war selbstverständlich dabei. Insgeheim hoffte auch ich, ein Mädchen wie sie kennen zu lernen. Natürlich hegte ich zu keinem Zeitpunkt tiefgehendere Gefühle für sie. Aber das was sie und Neil hatten, dass wollte ich auch. An diesem Abend wurde mir klar, dass Neil und ich zwar beste Freunde sind, die niemals etwas trennen könnte. Jedoch als ich das Foto von Neil und Linda schoß, merkte ich, wie nah sich die beiden sind. Ich freute mich für ihn. Mein bester Freund hat die große Liebe seines Lebens gefunden. Wir tranken, tanzten, lachten und waren einfach nur rundum zufrieden. Nichts schien diese Glückseligkeit stören zu können.

Ich stehe auf und lege das Buch zur Seite. Erst mal eine Zigarette. Ich merke wie mein Blutdruck zu steigen beginnt und ich schwerer atme. Mein Hände zittern. Nochmals nehme ich das Buch auf. Ich werfe einen Blick auf die Ziffern. Die Ziffern sieben Seiten vor der Acht. 23 96.

Der 23.08.1996. Es war der letzte Tag an dem wir gemeinsam so glücklich beisammen saßen. Es war der letzte Tag an dem Neil seine Linda in den Armen hielt.

Es war der letzte Tag an dem er Linda gesehen hat.

Linda´s Vater kam um drei Uhr etwa vorbei und wollte sie abholen. Neil bat ihn, das sie bei ihm übernachten könne. Doch er ließ dies nicht zu. Zwar hatte er nichts gegen die Beziehung der beiden, aber Gewisse grenzen mussten eingehalten werden.

Er erlaubte seiner Tochter noch eine halbe Stunde zu bleiben. Dann solle sie nach Hause kommen. Da sie nur drei Straßen weiter wohnte, wollte sie zur ausgemachten Zeit schnell alleine nach Hause laufen. Ich war sehr betrunken und schlief bereits auf der Veranda des von Neil´s Nachbarn. Neil war noch wach. Jedoch kaum in der Lage zu laufen.

Er wollte sie nicht gehen lassen. Aber sie wusste was ihr blühen würde, würde sie nicht nach Hause kommen.

Sie lächelte Neil an und verabschiedete sich. Sie gab ihm einen Kuss und sagte, dass sie sich morgen wieder sehen würden.

Neil sah ihr hinterher. Als sie gerade am Ende der Straße abgebogen war fielen ihm die Augen zu.

Ich öffnete meine Augen als die Sonne gerade begann, mir in die diese zu scheinen. Ich sah niemanden um mich herum. Als ich von der Veranda aus nach unten in den Vorgarten ging sah ich Neil am Straßenrand hocken. Neben ihm stand Linda´s Vater.

Wieder gehe ich ans Fenster und sehe mir den Himmel an. Das alles kann ich doch nicht vergessen haben, so dass ich ein Buch benötige um mich wieder daran zu erinnern.

Erneut nehme ich das Buch auf und blättere weiter. Auf den folgenden Seiten befinden sich einige kleine Zeitungsausschnitte über das entführte und ermordete Mädchen.

Neil und ich waren gerade 17 Jahre alt. Neil hatte zuvor eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker begonnen. Ich ging noch zur Schule. Ich wollte studieren. Jura oder Medizin. Egal. Hauptsache hoch angesehen.

Am 24.08.1996 saßen wir beide auf dem Polizeirevier. Dort erklärte uns ein gewisser Officer McMulligan, was laut den bisherigen Ermittlungen geschehen sein sollte.





Unknown – Kapitel 1 -

17 07 2009

Der Regen plätschert gegen das geschlossene Fenster. Ich sitze auf einem maroden alten Holzstuhl in meinem ein Zimmer Appartement. Wie konnte es soweit kommen? Was habe ich nur falsch gemacht? Immer wieder dieselben Fragen, die ich mir stelle. Jedoch fallen mir keine Antworten ein. Nichts ist mir mehr geblieben.
Ich lehne mich zurück, starre an die vergilbten Wände und zünde mir eine Zigarette an. Nur ein kleiner Runder Tisch, ein altes durchgelegenes Bett sowie eine Kommode befinden sich in diesem Raum. Auf der Etage gibt es eine Toilette und eine Dusche für ca. acht Personen.
Wie konnte ich da nur rein geraten. Keine Perspektive. Alles hatte so gut angefangen. Doch dann wendete sich das Blatt. Nun sitze ich in einer heruntergekommenen Behausung und zähle die Minuten.

Ich muss da wieder rauskommen. Ich habe es schon einmal geschafft. Natürlich war auch Glück dabei, aber ich habe es aus eigener Motivation geschafft.

Ich stehe auf und gehe rüber zum Fenster. Das prasseln des Regens wirkt beruhigend. Ich öffne das Fenster und puste den blauen Dunst meiner Zigarette in den Abendhimmel dieser mich verschlingenden Großstadt. Hier bin ich nur ein unbedeutender Niemand. Keiner kennt mich. Keiner weiß, was ich zuvor gemacht habe. Das könnte doch auch meine große Chance sein.

Der Mond scheint sehr hell in dieser trüben Nacht. Ich stelle mir den Stuhl vor das geöffnete Fenster, den Aschenbecher und meine Zigaretten lege ich in meinen Schoß und lasse das vergangene einmal Revue passieren.





Der Waldrand

17 07 2009

Es war ein gewöhnlicher April Freitag. Die Sonne ist bereits vor einigen Stunden untergegangen.
Ich war gerade bei Freunden zum Abendessen. Anschließend haben wir uns wie es so üblich ist noch unterhalten und ein paar Gläser Wein getrunken.
Meiner Frau ging es nicht so besonders. Sie wollte an diesem Abend lieber zu Hause bleiben.
Es war schon spät als ich mich auf den Weg nach Hause machte. In diesem Moment hätte ich lieber das Auto dabei gehabt. So lag noch ein einstündiger Fußmarsch vor mir. Als ich gerade die große Kreuzung vor dem Rathaus überquerte, viel mir ein, dass es schneller und bequemer wäre, die Abkürzung über den Feldweg am Waldrand zu nehmen.
Das Feld führt direkt am Wald vorbei.
Ich kenne diesen Wald sehr gut. Schon als Kind sind meine Freunde und ich dort zum spielen durch das Dickicht des Waldes geturnt. Wir haben uns Lager gebaut und sind in die Bäume geklettert. Als ich gerade acht oder neun Jahre alt war, schaffte ich es bis in die Krone des höchsten Baumes der ersten Lichtung zu klettern.
Ich bildete mir also ein, diesen Wald zu kennen. Zudem bin ich kein Feigling und muss keine Angst haben einem dunklen Wald auf einem nicht beleuchteten Feldweg.

Es dauerte keine fünf Minuten bis ich an besagtem Weg ankam.
So nur noch die ein bis zwei Kilometer Feldweg, einmal links und wieder rechts, schon bin ich zu Hause. Meine Frau schläft sicher schon. Sie ist bestimmt auf dem Sofa beim lesen oder fernsehen eingeschlafen.
Nun ja, in einer Viertelstunde werde ich dort sein und es sehen.

Ich hatte bereits einen drittel des Weges hinter mich gebracht, da hörte ich ein leises rascheln im Wald. Da das mit Sicherheit nur die Tiere des Waldes sind, habe ich dem keine weitere Beachtung geschenkt.
Ein wenig mulmig wurde mir jetzt schon. Es war doch dunkler als ich dachte.

Die hälfte des Weges lag nun hinter mir und mittlerweile war ich wieder etwas beruhigter.

Mir viel gerade ein, dass ich vergessen habe bevor ich gehe in den Briefkasten zu gucken. Das hatte ich meiner Frau doch versprochen. Sollte etwas Wichtiges dabei sein, werde ich es ihr gleich hineinbringen, sagte ich zu ihr. Passt schon. Ich sehe einfach jetzt nach, wenn ich da bin.
Nun erkannte ich bereits in der Ferne die Straßenlaterne, welche den Weg direkt am Ende des Waldrandes beleuchtet. Gleich bin ich zu Hause.
In diesem Moment hörte ich plötzlich Stimmen aus dem Wald. Ich blieb stehen, ging etwas näher an die Büsche heran. Es war zu dunkel. Ich sah nur die ersten Bäume und schließlich ein dunkles nichts.
Ich blieb eine Weile stehen, um zu lauschen.
Da, wieder. Stimmen. Sie scheinen sehr weit entfernt zu sein. Ich blieb wie angewurzelt stehen und ging immer wieder kleinere Schritte nach vorn und wieder zurück.
Wieder. Stimmen. Es schienen unterschiedliche Stimmen zu sein. Ist es ein lachen?
Ein Schrei ertönte und verhallte in eisiger Stille. Nun wurden die Stimmen lauter. Kamen sie näher?
Nun wiederholten sich die Schreie.
Ich wagte mich nun einige Meter in den Wald hinein. Nur so weit, dass ich den Weg noch sehen konnte.
Nichts. Nichts mehr passierte. Stille.

Ich wollte gerade weiter gehen – da wieder diese Stimmen. Der Wind um mich herum wurde immer stärker. Vielleicht habe ich mich geirrt und es waren nur die Blätter der Bäume die im Wind aneinander rasselten. Ja, das wird´s gewesen sein.

Ich gehe lieber weiter – da ist schon nichts.

Ich lief schnell zurück zum Weg und setzte meinen Heimweg fort. Zwischendurch hörte ich immer wieder dieselben Geräusche, machte mir aber keine Gedanken mehr darüber.
Kurz darauf kam ich zu Hause an. Meine Frau lag bereits im Bett.
Ich setzte mich noch ein paar Minuten vor den Fernseher und sah mir die Wiederholungen des Nachmittags an.

Irgendwie muss ich eingeschlafen sein. Plötzlich weckte mich meine Frau, ihr ging es sichtlich besser, und ich sah auf die Uhr.

Oje, es war bereits nach elf und ich wollte an diesem Samstag doch noch unbedingt das Auto waschen. Meine Frau brachte mir einen herrlich duftenden Kaffee und gab mir die Zeitung.

Als ich die zweite Seite aufblätterte traf mich der Schlag – Ich wurde kreidebleich und verbrühte mich an dem heißen Kaffee, der sich über meinem Schoß ergoss.

ENDE








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